Jean Tinguely - I Filosofi

Jean Tinguely, einer der Großmeister der Kunst des 20. Jahrhunderts, kehrt mit einer Ausstellung nach Italien zurück. Unter dem Titel Jean Tinguely. Die Philosophen, stellt die Kulturstiftung Hermann Geiger aus Cecina (Livorno) in ihren Ausstellungsräumen auf der Piazza Guerrazzi vom 27. Juni bis zum 20. September 2015 neun kinetische Skulpturen Tinguelys aus dem Jahr 1988 aus. Die Ausstellung wird kuratiert vom künstlerischen Leiter der Stiftung, Alessandro Schiavetti und steht unter der Schirmherrschaft der Schweizerischen Botschaft in Italien. Die ausgestellten Werke Tinguelys sind eine Hommage an diejenigen Denker, die sein politisches Denken geprägt und revolutioniert und ihn dazu bewegt haben, dem Marxismus seiner Jugendjahre zu entsagen. Die Skulpturen Martin Heidegger, Henri Bergson, Jacob Burckhardt, Friedrich Engels, Pjotr Kropotkin, Wedekind, Ludwig Wittgenstein, Jean-Jacques Rousseau und Wackernagel stammen aus dem Basler Museum Tinguely, das 1996 eröffnet wurde und in Gänze dem Schweizer Künstler gewidmet ist.
Fünf bunte Stühle der Künstlerin Niki de Saint Phalle aus Holz, Farbglas und Steinen ergänzen die Ausstellung. De Saint Phalle war Ehefrau, Werkpartnerin und Inspirationsquelle von Tinguely.

Jean Tinguely (Fribourg, 1925 – Bern, 1991) verbrachte seine Jugendzeit in Basel, wo er auch seine künstlerische Ausbildung abschloss. Er blieb der Stadt zeit seines Lebens verbunden. 1953 zog er nach Paris und begann mit der experimentellen Umsetzung erster kinetischer Werke: von Kurbeln angetriebene Skulpturen aus gelötetem Draht sowie elektrisch betriebene Reliefs aus bewegten geometrischen Formen, die der Künstler „Méta-mécaniques“ nannte und die er in Pariser Avantgarde-Galerien der Fünfzigerjahre wie Arnaud, Denise René und Iris Clert ausstellte. Zudem fertigte er Geräusch-Reliefs an, bei denen die durch mechanische Bewegung erzeugten Geräusche im Mittelpunkt standen. In diese Zeit fallen auch die „Méta-matics“, Maschinen mit der Fähigkeit, zu malen und zu zeichnen. Indem er sein Hauptaugenmerk auf die Bewegung richtete, näherte sich Tinguely der Produktion von kinetischen Künstlern wie Vasarely, Calder, Soto und Munari an. Die Verwendung von Abfällen und mechanischen Teilen industrieller Herkunft sowie der anarchische Impuls, die Herrschaft der Maschinen und die Überproduktion von Gütern und Technologien zu hinterfragen, verbanden ihn mit der Poetik des Nouveau Réalisme.

Tinguelys Maschinen entwickelten sich zu komplexen Mechanismen, bestehend aus Rädern, mechanischen Teilen und Riemen. Der Künstler verbaute Eisenschrott und bisweilen auch andere wiederverwertete Materialien und setzte alles in Bewegung. Ein Zeichen seiner absoluten Originalität ist, dass er als einer der ersten neue, „immaterielle“ oder schwer zu definierende Substanzen wie Klang, Licht, Duft, Rauch, Feuer und Explosionen in seine künstlerischen Arbeiten miteinbezog. Dies mit dem Ziel, auch das Immaterielle der Kunst darzustellen. In dieser Hinsicht waren seine Werke der Poetik seines Freundes Yves Klein verwandt.

Einige der Werke Tinguelys erreichten eine ungekannte Komplexität und beeindruckende Ausmaße, wie die Skulptur Heureka (1964), die mehr als zehn Meter lang und acht Meter hoch ist, oder das Relief Méta-Harmonie IV – Fatamorgana (1985), das mehr als zwölf Meter lang ist. Aufsehen erregende Projekte waren seine sich selbst zerstörenden Skulpturen Homage to New York (1960), Étude pour une fin du monde n. 2 (Las Vegas, 1962) oder La Vittoria (Milano, 1970). Am 13. Juli 1971 heiratete Tinguely die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle (Neuilly-sur-Seine, 1930 – La Jolla, 2002). Das Paar arbeitete im Laufe der Jahre gemeinsam an diversen Projekten wie Hon-Elle für das Moderna Museet in Stockholm, Le Paradis fantastique für den französischen Pavillon auf der Weltausstellung in Montréal im Jahr 1967, Le Cyclop von Milly-la-Forêt oder dem Strawinski-Brunnen vor dem Centre George Pompidou in Paris. Für seine Ehefrau betreute Tinguely auch die technischen Aspekte des Tarot-Gartens in Capalbio in der Toskana.

Die Werkreihe, die nun in der Geiger-Stiftung zur Ausstellung kommt, wurde erstmals von Dezember 1988 bis März 1989 anlässlich einer großen dem Künstler gewidmeten Retrospektive im Centre Pompidou in Paris vorgestellt. Tinguely bestand damals darauf, Kindern freien Eintritt zu gewähren. Kinder hielt er für das ideale Publikum für seine Werke, die frei, unmittelbar, amüsant und entweihend sind. Außerhalb der Ausstellungsräume stellte er rund zwanzig jüngst entstandene Werke aus, die auch ohne Eintrittskarte besichtigt werden konnten. Darunter befanden sich auch einige der Philosophen. Diese Portraits spielen mit den Konventionen; sie zelebrieren die Denker, die sie darstellen, nicht und mythisieren sie nicht, wie es etwa ein Denkmal täte, sondern transponieren deren Ideen. Indem er Schrottteile zusammenfügt und in Bewegung setzt, stellt Tinguely die Ideen des jeweiligen Denkers so dar, wie er selbst sie auffasste.

Die Ausstellung Jean Tinguely. Die Philosophen wird interaktiven Charakter haben. Besucherinnen und Besucher können die verschiedenen Maschinen in Betrieb nehmen, um die Komplexität und Originalität der Bewegungen zu erfassen und die erzeugten Geräusche auf sich wirken zu lassen. Denn Bewegungen zu erforschen war in der Tat der charakteristische Impuls von Tinguelys künstlerischer Produktion seit seinen Jugendjahren: „Es bewegt sich alles. Stillstand gibt es nicht … Hört auf, der Veränderlichkeit zu widerstehen. Seid in der Zeit“, schrieb er im Manifest Für Statik (Düsseldorf, 1959).


Jean Tinguely. Die Philosophen
Vom 27. Juni bis 20. September 2015
Ausstellungsräume der Kulturstiftung Hermann Geiger
Piazza Guerrazzi 32, Cecina (Livorno)
Öffnungszeiten: täglich von 18 bis 23 Uhr
Eintritt frei
Für Informationen: www.fondazionegeiger.org 
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! / +39 0586 635011

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